Die Rücksicht ist ein Engelsamt

Clever schalten, Material schonen.

Ständig hört man die Leute über den angeblichen Schilderwald klagen: zu viele unnötige Verkehrszeichen, die nur die ohnehin geltenden Regeln wiedergäben. Unsinn! Wir merken ja schon beim Thema Hupen, dass die Leute ohne permanente Ermahnung, Erinnerung und Strafe sofort und ständig völlig außer Rand und Band geraten. Alle wissen, dass nur, wer sich und andere gefährdet sieht, die Hupe betätigen darf. Die Leute benutzen die Hupe aber für alles Mögliche: Nachbarn grüßen, als Erziehungsmaßnahme, Brunftschrei, Drohgebärde, zum Ausdruck von Freude und Gruppenzugehörigkeit, Männlichkeitsnachweis, einfach nur so, aus Versehen … Ich lärme, also bin ich.

Neulich bin ich allerdings auf dieses Schild gestoßen, bei dem auch ich kurz ins Grübeln kam. Wie groß muss das Problem gewesen sein! Ich kann es förmlich vor mir sehen: Horden von Anzugträger auf ihren hochmodernen Falträdern, Väter mit Kleinkindern in Lastenrädern, junge Frauen auf Hollandrädern, Studentinnen auf diesen no-frills-Rennrädern – sie alle drängen auf ihren Rädern die Treppe hinauf und hinab.

Schon 200 Meter vor der Treppe nehmen sie Geschwindigkeit auf und rasen heran, dann schnell: runterschalten, den Lenker hochreißen und rauf geht’s! Alte Damen auf E-Bikes und Jugendliche auf BMX-Rädern stürzen sich ihnen in halsbrecherischem Tempo entgegen. Lenker verhaken sich, wütende Schreie, das Kreischen ungeölter Fahrradbremsen, das Heulen der Sirenen.

Alte Männer und Schulkinder pressen sich ängstlich an das Geländer, Eltern reißen ihre Kinder in die Luft, der eine oder andere weiß sich nur mit einem Sprung über das Treppengeländer zu retten, manch kleiner Hund fällt dem täglichen Wahnsinn zum Opfer. Pure Anarchie, bürgerkriegsähnliche Zustände.

Aber jetzt endlich: ein Schild, das für Ordnung sorgt!

Während ich dort während des morgendlichen Berufsverkehrs stand, hat allerdings kein einziger Fußgänger ODER Fahrradfahrer die Brücke benutzt.

Die Leute haben wohl einfach noch zu viel Angst.