Mit Kampfstiefeln wird’s beim Tango schwer
Lernen, sich zu wehren. Anfängerkurs für Fallrohre.

Mit Kampfstiefeln wird’s beim Tango schwer

Heute scheinen sich nur noch wenige Menschen in ihrer Freizeit mit Dingen zu beschäftigen, die man früher als „Hobbys“ bezeichnete. Vor 35 Jahren war die Frage nach den Hobbys des Gegenübers eine häufig gestellte und beliebte Frage – an Erwachsene wie an Kinder. Stellt man diese Frage heute, wird man angeguckt, als hätte man aus dem Nichts heraus etwas Schmutziges gesagt.

Allerdings war die Frage auch früher schon nicht ohne Fallstricke – damals jedoch weniger für den Fragenden, als für den, der gefragt wurde: Eine falsche Antwort konnte einen nämlich von jetzt auf gleich von der sozialen Landkarte fegen. Jungen, die auf die Frage nach ihrem Hobby Antworten wie „Löten“, „Panzer“ oder „Raumschiffe“ gaben, konnten sich eigentlich direkt im Priesterseminar anmelden.  Da hoben die Mädchen nur angewidert die damals meist buschigen Augenbrauen. Ich bin an einem Bundeswehrstandort aufgewachsen und diejenigen, die „Panzer“ sagten, tauchten dann in der ersten Tanzstunde häufig mit vom Soldatenvater aus Bundeswehrbeständen beschafften Springerstiefeln auf – ein bei vierzehnjährigen Mädchen und Tanzlehrern gleichermaßen unbeliebtes Schuhwerk. Lernen Sie mal Tango mit jemandem, der dabei Kampfstiefel trägt.

Mädchen durften keine zu intellektuellen Hobbys haben, denn sie waren schon ohne extracurriculare Weiterbildung den Jungen geistig voraus. Sozialer Selbstmord war „Malen nach Zahlen“. Handarbeiten und Basteln wurden generell misstrauisch beäugt, allerdings nur bis zur Oberstufe, wo es dann sowohl für Mädchen als auch für Jungen verpflichtend wurde, im Gemeinschaftskunde- und Geschichtsunterricht zu stricken. Nach dem Abitur gaben sie es dann wieder auf – die meisten Jungen gerade noch rechtzeitig vor dem Eintritt in die Bundeswehr, wo sie dann mit „Panzer“ doch wieder mehr Punkte sammeln konnten als mit „Stricken“.

Heute gehen meines Wissens „chillen“ und „Serien gucken“ als Hobbys durch und sind entsprechend weit verbreitet. Ich sag’s nur schon mal: Keiner von uns wird sich später auf dem Sterbebett wünschen, er hätte mehr auf dem Sofa gesessen! Ich wage mal zu prophezeien, dass wir spätestens dann Löten und Window Coloring als vergleichsweise lohnende Beschäftigungen ansehen werden.