Tummle dich, du faules Volk (Heine)

Der schwierige Spagat zwischen Werktreue und Interpretation

Nachdem es sich eingebürgert hat, dass sich nicht nur Kinder und alte Menschen, sondern auch gestandene Mannsbilder mit ihren Fahrrädern vor den Autos auf den Bürgersteig retten, ist es dort eng geworden. Nun stellt sich jeden Morgen wieder die Frage: Darf man als Fahrradfahrer auf dem Bürgersteig Fußgänger aus dem Weg klingeln? Nein, nein, nein. Nein. Das ist ausgesprochen ungezogen, möglicherweise sogar verboten.

Und wenn es sich einmal gar nicht vermeiden lässt? Dann sollte man sich seinen Weg doch bitte nicht mit unhöflichen Worten oder wütendem eintönigen Klingeln akustisch freirammen, sondern sich für die freie Fahrt auf verbotenen Pfaden schon ein bisschen Mühe geben. Hier bietet sich zum Beispiel eine gefällige Interpretation von Schuberts „Drang in die Ferne“ oder Schumanns „Es treibt mich hin, es treibt mich her“ für Fahrradklingel an. Ja, h-Moll, ich weiß. Und ja: Das erfordert einen gewissen Einsatz in der Vorbereitung und Konzentration beim Vortrag. Aber niemals werden wir einen nachhaltigen Weltfrieden erreichen, wenn wir auf dem Weg zur Arbeit schon im Kleinen scheitern.